Michael Mertes
(Elternschaft des Erzbischöflichen
Clara-Fey-Gymnasiums Bonn-Bad Godesberg)

Oberer Girzenweg 7
53343 Wachtberg-Pech

Düsseldorf, den 21. Januar 2004
Liebe Freunde der Freien Schulen,
liebe Lehrerinnen und Lehrer,
und vor allem: Liebe Schülerinnen und Schüler!


Das Recht zu demonstrieren ist ein wesentliches Bürgerrecht in unserer Demokratie. Wir machen gemeinsam von diesem Bürgerrecht Gebrauch. 30 000 sind wir – daran wird man sich in Düsseldorf noch lange erinnern!

Es geht vor allem um eure Zukunftschancen, liebe Schülerinnen und Schüler! Wir demonstrieren hier für etwas – und wir demonstrieren gegen etwas:
  • Wir demonstrieren für die Forderung, dass die politisch Verantwortlichen in Nordrhein-Westfalen endlich ihr Versprechen einlösen, mehr für die Bildung zu tun.
  • Und wir demonstrieren gegen eine Bildungspolitik, die den Freien Schulen das Leben zusätzlich erschweren möchte.

Wir vertreten mit unserer Forderung ein herausragendes Anliegen der Allgemeinheit. Wir sind keiner von den vielen Interessenverbänden, die nur ihre eigenen Besitzstände im Auge haben und Reformen blockieren. Wir wollen Reformen! Und wir sagen: Die beste Reform besteht ganz einfach darin, endlich wieder mehr für die Schulen zu tun! Bestmögliche Bildung für die junge Generation liegt im Interesse aller – es geht um das Wohl unseres ganzen Landes!

Wir alle wissen: Sparen muss sein. Aber es muss doch intelligent gespart werden! Es gibt wichtige, weniger wichtige und unwichtige Aufgaben. Und bei wichtigen Aufgaben darf man nicht sparen! Wie heißt es so treffend auf einem eurer Transparente: "Schluss mit dem Falschgeiz!"

Sparmaßnahmen bei den Schulen bedeuten im Klartext: In der nordrhein-westfälischen Politik gilt Bildung eben nicht als wichtig, sondern nur als weniger wichtig. Schon gar nicht ist sie Priorität Nummer eins, wie uns immer versichert wird. Gegen diese falsche Prioritätensetzung wenden wir uns heute – im Namen aller, denen die Zukunft unseres Landes am Herzen liegt.

Übrigens: Viele Schüler, Lehrer und Eltern von staatlichen Schulen würden heute nur zu gern gemeinsam mit uns demonstrieren – das weiß ich aus einer Reihe von Gesprächen. Sie sind es leid,

  • dass zu wenig Lehrer eingestellt werden,
  • dass die Klassen immer größer werden,
  • dass ein Teil des vorgesehenen Unterrichts ausfällt,
  • dass Schulgebäude in einem schlechten Zustand bleiben,
  • dass immer mehr bürokratische Vorschriften den Schulbetrieb lähmen.

Wir werden nicht zulassen, dass Freie Schulen und staatliche Schulen gegeneinander ausgespielt werden. Wir sind solidarisch miteinander, denn wir sitzen alle in einem Boot. Gemeinsam treten wir dafür ein, dass Bildung in Nordrhein-Westfalen wieder Priorität Nummer eins wird!


Liebe Freunde,
wir von den Freien Schulen bilden uns nicht ein, etwas Besseres zu sein als die staatlichen Schulen. Wir sind nichts Besseres. Aber wir sind etwas Besonderes. Wir stehen für die Idee der Vielfalt. Ohne Vielfalt kann eine offene Gesellschaft auf Dauer nicht bestehen. Ohne Vielfalt gibt es keinen Wettbewerb. Und ohne Wettbewerb gibt es keinen Anreiz, die Qualität der Bildung zu verbessern.

Liebe Schülerinnen und Schüler,
ihr seid in Freiheit aufgewachsen – aber denkt daran, dass Freiheit nicht vom Himmel fällt, sondern sich täglich neu bewähren und behaupten muss – gegen alle Machtansprüche von Bürokraten und Ideologen. Für dieses Recht auf die eigene Überzeugung und den eigenen Weg stehen die verschiedenen Träger der Freien Schulen!

Wir müssen aufpassen. In der Bildungspolitik gibt es Leute, denen die Freien Schulen ein Dorn im Auge sind. Sie träumen von der totalen staatlichen Kontrolle über das Schulwesen. Freie Schulen stehen solchen Leuten im Wege – und das ist auch gut so!

Liebe Freunde!
Die Zuschüsse des Landes für die Freien Schulen sind keine staatlichen Wohltaten – keine Gnadengaben, die nach Belieben gewährt und zurückgenommen werden können. Diese Zuschüsse sind kein Privileg, das die Obrigkeit einseitig verleiht oder entzieht. Sie sind vielmehr eine Gegenleistung dafür, dass die Freien Schulen und ihre Träger dem Gemeinwohl Tag für Tag einen herausragenden Dienst erweisen.

Die Freien Schulen geben dem Staat 100 Prozent Leistung und erhalten dafür 94 Prozent Gegenleistung. Es gibt nicht den geringsten Grund, diese Gegenleistung noch weiter zu kürzen! Wenn jetzt Freie Schulen wegen der Sparmaßnahmen schließen müssen, dann kommen auf Städte und Gemeinden Kosten zu, die das Ersparte weit übersteigen.

Die Freien Schulen entlasten den Landeshaushalt Nordrhein-Westfalens jährlich um 800 bis 900 Millionen Euro. Wenn also jemand die Landeszuschüsse als "Subventionen" bezeichnet, dann muss er sich sagen lassen: Umgekehrt wird ein Schuh draus! Es sind die Freien Schulen, die den Staat subventionieren!

Was die Freien Schulen für die Allgemeinheit leisten, lässt sich in Euro und Cent gar nicht ausdrücken. Unsere Gesellschaft wäre ohne nicht nur ärmer, sondern auch kälter. Ich denke an das unermüdliche Engagement der verschiedenen Schulträger. Ich denke an die vielen freiwilligen Initiativen von Lehrern, Schülern und Eltern. Ich denke an die große Vielfalt der pädagogischen Angebote.

Nicht die Träger der Freien Schulen müssen dem Land dankbar sein. Das Land hat den Trägern der Freien Schulen dankbar zu sein! Wenn schon die Bildungspolitik nicht in der Lage ist, den Schulträgern zu danken, dann wollen wir es heute gemeinsam tun – Eltern, Schüler und Lehrer.

Diesen Dank drücken wir am besten durch unsere Solidarität aus:

  • ob katholisch oder evangelisch,
  • ob Waldorfschule oder Ordensschule,
  • ob religiös orientiert oder reformpädagogisch ausgerichtet –
wir stehen zusammen!

Wir stehen für Freiheit und Vielfalt! Wir stehen vor allem für eure Zukunftschancen, liebe Schülerinnen und Schüler!

Deshalb fordern wir: Hände weg von unseren Schulen!


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